Aus dem Archiv: „Es sind eben die, die den Stress machen …“ – Teil 1

veröffentlicht von Alexandra Klei

Das folgende Interview mit Skatern in der Obersprucke ist aus dem Jahr 2000. Wir haben es zuerst im Buch Nur ein Toter mehr… veröffentlicht. Die acht Jugendlichen, mit denen ich sprach, gehörten zu einer Gruppe Jugendlicher, welche die damals neue Skaterbahn zu ihrem Treffpunkt gemacht hatten. Sie zählten zu den wenigen, die in der Obersprucke eine öffentlich wahrnehmbare Gegenposition zu einer extrem rechts orientierten Jugendkultur einnahmen. Schon kurz nach der Einweihung der Skaterbahn im Herbst 1999 wurde die Gruppe angegriffen und unter Druck gesetzt. Das Interview spiegelt ihren Alltag in der Obersprucke 1999/2000 wieder und die alltägliche Auseinandersetzung um den öffentlichen Raum. Es dokumentiert auch unmittelbare Reaktionen auf den Tod Farid Guendouls: in der Schule, in den Familien, im sozialen Umfeld der Jugendlichen. Wahrscheinlich haben die meisten von ihnen Guben inzwischen längst verlassen. Mit Andrea habe ich in diesem Jahr ein Interview über ihre Erfahrungen in den folgenden Jahren geführt, das wir bereits veröffentlichten.

Erzählt doch zuerst mal was über die Skaterbahn. Seit wann gibt’s die?

Thomas: Seit Herbst letzten Jahres. Vorher war da ein Spielplatz mit Basketballplatz. Dann ist jemand auf die Idee gekommen, das alles zu betonieren und Klettergerüste drauf zu bauen. Im Oktober kam dann die Halfpipe dazu.

Konntet ihr euch aussuchen, wo sie hinkommt und was da hoch soll?

Matthias: Das wurde in der Stadt beschlossen und dann wurde das einfach gemacht. Da hat uns niemand gefragt, ob wir Wünsche haben.

Könnt ihr die Bahn das ganze Jahr nutzen? Was macht ihr denn im Winter?

Thomas: Es gibt immer ein paar, die auch im Winter da sind. Es ist allgemein ein Treffpunkt geworden. Die anderen, denen es zu kalt ist, gehen in die Fabrik. Aber im Sommer sind dann alle wieder oben.

Wie sieht es in Obersprucke mit Nazis aus? Habt ihr an der Skaterbahn Probleme mit denen?

Matthias: Die wollen uns provozieren, zeigen, dass sie dort präsent sind, und austesten, wie weit sie sich vorwagen können, ob sie da Stress machen können, eben die Lage checken und klarmachen, dass sie dort die Bosse sind. Letztens kam Marcel P. und hat einen von uns dumm angemacht – warum er rumlabert und so, dabei hatte der gar nichts gesagt. Er wollte gleich den Chef markieren.

Sind eher die Rechten präsent oder seid ihr das?

Martin: Oben in der Sprucke sind es die Rechten, würde ich sagen …

Ali: Nicht unbedingt präsent. Es sind eben die, die den Stress machen, die sich am Tag vielleicht nicht so zeigen, aber später dann rauskommen.

Daniel: Zum großen Teil sind die auch älter als wir. Die fahren dann schon teilweise Autos …

Was bedeutet es, wenn die Stress machen?

Thomas: Eine Zeit lang war’s so, dass sie einfach ganz provokativ zur Bahn kamen, sich mit ein paar Autos hingestellt haben und laut ihre Oi-Mucke gehört haben. Da hatten sie dann ihre freie Zone, weil eben alle abgehauen sind, wenn da fünf Autos standen und solche Schränke drin waren … Dann haben die dort ihr Bier gesoffen, Oi gehört und sind da oben rumgefahren. Sie kommen auch immer mal an und wollen uns ein „Gespräch“ aufdrängeln, so wie Marcel P. eben …

Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, gab es letztes Jahr aber auch körperliche Angriffe?

Matthias: Ja, das war am Monument. Da hatte ein Bistro eröffnet, das die Nazis als Treffpunkt für sich ausgemacht hatten. Dort waren dann immer eine Menge Leute drin. Wenn du da langgegangen bist, nachts, am Wochenende, standen so ein paar Typen draußen. Und wenn die gesehen haben, sie sind mehr und stärker, sind sie gekommen. Und da ist es auch passiert, dass Leute aufs Maul gekriegt haben.

Ali: Was mir noch einfällt, ist – und das kann keiner von uns leugnen –, dass der Zusammenhalt bei uns oben fehlt. Der ist nicht gerade der beste, meiner Meinung nach – da könnte man noch ein bisschen dran arbeiten. Das ganze Auftreten der Rechtsgerichteten ist aggressiver und so ist der Zusammenhalt bei denen natürlich auch deutlich größer als bei uns. Die unternehmen mehr zusammen, selbst wenn sie sich meinetwegen nicht so leiden können. Trotzdem sind sie ja „Kameraden“. Bei uns ist es ein bisschen gespalten.

Andrea: Gespalten ist gut. Wenn Nazis angekommen sind, sind alle weggerannt. Das letzte Mal sind drei von denen gekommen. Die kannte man so vom Sehen. Da konntest du zuschauen, wie alle gerannt sind. Von daher kannst du nicht von Zusammenhalt sprechen.

Matthias: Das liegt aber auch daran, dass unsere Leute oben größtenteils eingeschüchtert sind – aufgrund von körperlichen Übergriffen, Beleidigungen und so weiter. Da müsste man vielleicht ein bisschen arbeiten.

Thomas: Es ist ein Problem, dass die noch nicht so den Mut gefasst haben. Ich weiß nicht, körperliche Übergriffe und so … Die haben einfach keinen Bock auf Stress, die wollen mit ihren Skateboards durch die Gegend fahren und labern so ‘nen Scheiß wie: „Wenn so ein Scheiß-Fascho kommt, dann hauen wir ihm das Skateboard auf den Kopf.“ Aber wenn sie dann kommen, fahren sie eben lieber schnell weg … Ein super Beispiel: Da gab es das Gerücht, dass ein Haufen Faschos kommen soll. Erstmal war ein Großteil der Leute gar nicht da, die haben sich alle nach Bresinchen an den See verpisst. Und der Rest, der da war, rannte weg, als dann drei Mann kamen, obwohl wir mehr waren. Danach kamen alle wieder: „Ach, hier war ja doch nichts.“ Und dann haben da Kinder Panik gemacht, „Ja, da kommen sie!“, und da sind wieder alle weggerannt.

Robert: Und dann waren es ein paar Kleine mit ihrem Vater.

Ali: Das ist dann lustig auf die eine Art, aber traurig auf die andere.

Habt ihr Angst, wenn ihr nachts in Obersprucke unterwegs seid?

Andrea: Auf jeden Fall.

Daniel: Ich fahr da abends nicht so gern alleine nach Hause, ich geh dann am liebsten zu zweit oder so. Ansonsten mach ich, dass ich da schnell irgendwie durchkomme.

Thomas: Ich nehme immer lieber ein Fahrrad. Damit bist du schneller und kannst dort langfahren, wo die mit dem Auto nicht hinterherkommen …

Matthias: Na ja, aber nicht immer.

Thomas: Aber meistens. Zu Fuß würde ich da oben auch nicht unbedingt alleine langlaufen.

Robert: Als es noch ein bisschen schlimmer war und einige Leute von denen noch nicht eingeknastet waren, da hatte ich auch ein bisschen mehr Angst. Vor zwei Jahren hatten sie mich schon mal wegen Aufnähern und so angemacht. Zehn oder 15 Leute waren das. Ein paar Bedenken hat man natürlich immer, wenn man so durch die Nacht läuft. Das ist auch so, wenn ich alleine in der Stadt bin. Ich denke immer, es könnte ja etwas passieren … Zurzeit ist es da oben ein bisschen ruhiger geworden, meiner Meinung nach.

Matthias: Ich würde sagen, das ist die Ruhe vor dem Sturm, da wird irgendwann bald etwas passieren.

Ali: Ja, das ist schon richtig, bestimmt. Aber ich glaube auch, dass ältere Leute, wie Yogi zum Beispiel, was „Besseres“ zu tun haben, als jetzt da hoch zu kommen. Es sei denn, irgendwelche besonderen Leute von außerhalb kommen. Da sind sie eher dabei. Aber ich glaub nicht, dass sie von uns so fasziniert sind, dass sie jedem von uns auf die Fresse hauen wollen. Da wissen sie schon selber, dass sie bisschen mehr auf Tasche haben.

Ist die Situation in Obersprucke eine andere als in der Altstadt?

Robert: Ich würde schon meinen. Bei den Rechten gibt es ja auch immer noch das Klischee, in der Altstadt sind die Punks, da kriegst du von denen ein paar aufs Maul. Vor allem die jüngeren Faschos haben noch dieses Klischee, unten nazifreie Zone, und oben können sie machen, was sie wollen. Oben wohnen auch mehr von den bekannten Nazis.

Du hast vorhin gesagt, dass sich Marcel P. an der Skaterbahn einmal besonders hervorgetan hat. Er ist ja angeklagt, an der Jagd auf Farid Guendoul beteiligt gewesen zu sein. Habt ihr das Gefühl, dass er und die anderen Angeklagten in die Strukturen fest eingebunden sind und sich auch an Übergriffen und Ähnlichem beteiligen?

Matthias: Also, Marcel P. war an dem Freitag mit ein paar anderen da, die sahen eher aus wie Stinos.

Clemens: Ich war mal im Penne-Club, in der Disco des Gymnasiums. Marcel P. und Steffen H. waren auch da. Als wir losgehen wollten, haben sie mich halt gejagt. Ich hatte Glück, dass ich mit dem Auto dort war und ins Auto rein konnte. Ich weiß nicht, was sonst gewesen wäre, ich denke, die waren ganz schön fies drauf. Aus eigener Erfahrung würde ich sagen, dass die noch ‘ne Menge miteinander zu tun haben. Zum Beispiel sind sie oft hinten an der kleinen Pipe beim Kaufland: Marcel P., Steffen H., Alexander B. Leute wie Yogi haben mit Steffen H. nicht mehr viel zu tun, es sei denn, es geht ums Tätowieren. Zusammenhalt ist auf jeden Fall da.

Hattet ihr das Gefühl, dass es nach dem Tod von Farid Guendoul erst einmal ruhiger war, dass sie zurückhaltender waren, oder ist eher das Gegenteil eingetreten?

Clemens: Eher das … Dadurch, dass ihnen nicht richtig was passiert, denken sie doch, jetzt erst recht. Wenn sich das alles so nach hinten aufschiebt, können die doch machen, was sie wollen. Wieso trauen sie sich denn in die Disco,wenn sie doch eigentlich wissen müssten, dass dort viele Leute sind, die nicht ihrer Meinung sind? Da riskiert niemand, das Maul aufzumachen. Wenn dorthin jemand mit bunten Haaren kommt, der so aussieht, als ob er was gegen sie haben könnte, gehen einfach drei Leute auf ihn drauf. Die machen sich da gar keine Birne. Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass sich niemand traut, eine Anzeige zu erstatten. Bei mir war es jedenfalls so. Das ist dann ein zu geringer Tatbestand, wenn die mich bloß gejagt haben, und es ist ja nichts weiter passiert. Wäre ich stehen geblieben und hätte mich zusammenschlagen lassen, dann hätte ich meine Anzeige machen können, aber so passiert eben nicht viel. Und Nazis, die sowieso noch nicht so viel mit der Polizei zu tun hatten, bei denen noch nichts gewesen ist, die wissen doch, ein, zwei Dinger können sie sich leisten.

Thomas: Also ich hatte eher das Gefühl, dass es eine kurze Zeit etwas ruhiger geworden ist, aber nur geringfügig …

Matthias: Ja, weil sie dachten, jetzt bekommen sie hier richtig Ärger von links. Dann ging ja auch das Gerücht um, hier würden Türken und Vietnamesen aus Berlin auftauchen und alle abschlachten. Da haben die schon Schiss gehabt. Ich denke mal, inzwischen haben die aber gemerkt, dass die Grundstimmung in der Bevölkerung zum Beispiel gegen den Stein ist, dass die Leute nichts mehr davon hören wollen, dass die ihre Ruhe haben wollen. Da stoßen die Nazis auf gesellschaftliche Akzeptanz und kommen wieder verstärkt aus den Löchern rausgekrochen. Dass die wieder andere jagen, anmachen und so, würde ich schon für ein Zeichen halten.

Ali: Aber das ist der Punkt. Wir alle hier wissen, dass es so ist. Man müsste sich mal in einer Gruppe zusammensetzen und zusammenhalten … Das soll nicht heißen, dass ich für Gewalt bin, aber ich hab es wirklich zu oft probiert, mit denen zu reden. Ich muss ehrlich sagen, die Leute verstehen dich einfach nicht. Wenn du mit denen reden willst, dann heißt es gleich: „Halt deine Fresse oder wir hauen dir eins auf die Schnauze!“ So einfach ist das. Es sei denn, du bist in der Mehrzahl, dann sind sie ruhig und hören sich dein Gequatsche an und danach lachen sie drüber.

Daniel: Aber mal angenommen, jetzt ist irgendwas. Du bist mit fünf anderen da und zwei Nazis machen dich blöd an. Wenn du anfängst, die zu schlagen, dann kannst du drauf warten, dass die dir dann mal mit ihren Freunden auflauern. Und die haben Freunde und die sind dann auch so, dass du sagen musst: „Na ja, was mach ich denn jetzt?“ Da überlegt man bei so kleinen Kinderfaschos: „Die kannste doch nicht anlabern. Die rennen ja dann sofort zu ihren großen Brüdern und sagen, schnappt euch mal den und den.“

Andrea: Da waren zum Beispiel einige Sachen, von denen wir wussten, dass Jan H. dabei war, auch die Sache mit dem jüdischen Friedhof. Dann meinten zwei: „Komm, wir gehen mal bei dem vorbei.“ Jan H. stand draußen und da haben sie ihn ein bisschen geärgert … Na ja, und daraufhin kamen dann die Racheaktionen.

Was waren die Racheaktionen?

Andrea: Die Faschos sind fast täglich an die Pipe gekommen und haben geschaut, wer alles da war. Einmal haben sie mit einer Kamera gefilmt. Solche Sachen …

Robert: Ein großer Teil von den etwas Älteren ist auch bewaffnet. Pistolen sind da gang und gäbe und auch andere Waffen wie Schlagringe, Messer, Totschläger. Das gibt einem ja auch ein bisschen zu denken. Deswegen würde ich persönlich mich auch nicht mit irgendeinem von den Älteren einlassen.

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