Warum erinnern?

veröffentlicht von Daniel Krüger

Wir alle, jeder für sich und geteilt gemeinsam mit anderen, erinnern uns – an Menschen, Begebenheiten, Eindrücke, daran was wir erlebt haben oder was uns erzählt wurde. Wir wählen dabei aus. Wir erinnern uns an Vergangenheit nicht 1:1. Manches ist uns näher und wichtiger, manches soll es sein. Anderes liegt uns fern oder soll uns fern bleiben – wir vergessen es.

Diese Prozesse des Wiederholens von Informationen aus der Vergangenheit kommen nie ohne Deutung aus. Besonders für das öffentliche, kollektive Erinnern lautet einer der Standardmerksätze, dass die Inhalte und Formen der Erinnerung – und auch das, was ihr fehlt – mehr über die Erinnernden sagen als über die Vergangenheit. „Warum erinnern?“ schließt die Fragen „Woran?“ und „Wie?“ ein: Was können und wollen wir sagen?

Warum an einen Toten wie Farid Guendoul erinnern und an die Gewalttat, durch die er starb und deren Umstände in hohem Maße politisch waren? Wer den Toten kannte, könnte trauern, andere könnten aus Gründen der Pietät, aus moralischen Überzeugungen des Toten gedenken. Empörung über die Tat könnte ein Motiv sein, ebenso eine Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen, die in der Tat ihren Ausdruck fanden.

Nichts davon muss sein. Zwangsläufig gibt es aber eine Aussage in dem, was man tut oder lässt. Wie man sie bewertet, ist wiederum eine Frage der Moral. Setzt man die Ausgrenzung des Toten im Leben in der Erinnerung fort oder nicht?

Erinnern ist immer auch eine Entfernung von der Person oder dem Gegenstand der Erinnerung. Öffentliches Gedenken spielt sich in ritualisierten Formen ab. Ein erinnerter Toter wird postum zu einer öffentlichen Person, zum Symbol.

In Guben gab und gibt es – neben der aktiven Beteiligung und der passiven Akzeptanz – auch massive und anhaltende Einwände gegen die öffentliche Erinnerung an Farid Guendoul und an seinen Tod. Die selbstverständliche Ritualisierung und die selbstverständlichen Interessen der Erinnernden wurden kritisiert, wie auch relativierende „Fragen“ herangezogen, die nicht an Antworten interessiert sind: Warum ein Gedenkstein? Warum am gewählten Standort? Warum kein Gedenkstein für ein deutsches Gewaltopfer?

Die Versuche, Erinnerung in Abrede zu stellen, geben einen politischen Anlass zu erinnern. Öffentliche, aktive Erinnerung ist Auseinandersetzung. Dabei bildet die Erzählung dessen, was, wie, warum geschehen ist, die Voraussetzung für die Fragen, wie die heutigen Zustände geworden sind, wie sie sind, was sich geändert hat, was nicht und was anders werden soll.

 

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