Warum Guben?

veröffentlicht von Alexandra Klei

Der 13. Februar 1999
war ein kalter Wintertag. Ich stand morgens auf dem Hermannplatz in Berlin, als mich ein Freund aus Guben anrief und sagte: „Sie haben jemanden abgestochen.“ Ich wusste, wen er mit „sie“ meinte und auch zu welcher Gruppe „jemand“ gehörte. Und ich war nicht überrascht, dass es ausgerechnet in Guben passiert war. Als wir abends in der Stadt ankamen, war es unglaublich still. Vor dem Hauseingang Hugo-Jentsch-Straße lagen Blumen, die Scheibe war zerbrochen, dahinter lag dunkel der Treppenaufgang.

Elf Jugendliche, die eine Nacht lang durch die Straßen fahren, Menschen suchen und jagen, weil sie Ausländer sind. Die Parolen grölen, Passanten bedrohen, Fenster von „asiatischen“ Geschäften einschlagen, einen algerischen Asylbewerber schlagen, bis er ohnmächtig liegen bleibt. Eine Polizei, die nicht gegen die Täter vorgeht, Issaka K. aber stundenlang auf der Wache gefesselt sitzen lässt, weil es niemanden gäbe, „der afrikanisch spricht“. Eine Staatsanwaltschaft, die keine rassistische Motivation erkennen will. Eine Riege aus Verteidigern, die danach fragt, ob die drei Asylbewerber in dieser Nacht nicht deshalb rannten, weil sie Drogendealer gewesen wären. Angeklagte, die herumalbern, die schwatzen, die zu spät kommen, die den Gedenkstein schänden, Neonazidemonstrationen besuchen, von ihren Wochenenden erzählen. Mütter, die ihren Söhnen die Pausenbrote und die Zigaretten hinterhertragen. Ein Urteilspruch, der die Täter lachen und abklatschen lässt. Vor den Augen von Kahled B., Issaka K. und der Brüder Farid Guendouls. Eine Stadt, die sich als das eigentliche Opfer sieht. Und wo bereits wenige Tage nach der Tat viele nicht mehr an den toten Farid Guendoul erinnert werden wollen und in der man davon ausgeht, dass spätestens mit dem Urteil „Ruhe“ einkehrt und das Interesse der Medien verebbt.

Menschen, die sagen: „Wenn der so bekloppt ist und durch die Scheibe läuft“. Ein Forum gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit, das nicht von rechten Jugendlichen oder einer rassistischen Hetzjagd sprechen möchte. Ein Gedenktafel für Farid Guendoul, die bespuckt, zerstört, zerkratzt, gestohlen wird. Ein Bürgermeister in Spremberg, der öffentlich fragt, was die drei Asylbewerber nachts auf der Straße zu suchen hatten. Ein Bürgermeister in Guben, der von einer Verkettung unglücklicher Umstände spricht. Körperliche Angriffe, Beleidigungen, Bedrohungen gegen nicht-rechte Jugendliche, gegen Antifas, gegen nicht-deutsche Gubener/innen. Ein Haupttäter, der nach wie vor als gewalttätig gilt und innerhalb der rechten Szene Karriere macht.

Das geht so nicht. Das ist nicht richtig.

 

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