Warum Guben?

veröffentlicht von Daniel Krüger

Die Frage lässt sich nicht nur unterschiedlich beantworten, sondern schon auf verschiedene Weise stellen. Rhetorischer Art ist etwa die vorwurfsvolle, genervte Variante: „Warum denn schon wieder Guben!? Warum immer wieder die alten Geschichten und diese Nazis!?“ Die unerwünschte Antwort ist einfach: Weil die Frage so gestellt wird.

Als interessierte Frage nach einem Grund hat sie allerdings mehr Dimensionen. Was ist das Besondere? Woher rührt die Aufmerksamkeit? Wohin soll sie führen?

Farid Guendoul starb in Guben, weil…

Warum?

Eine Gruppe junger Männer sah ihn als Freiwild, als Recht- und Wertlosen, der sich ihrer Gewalt zu beugen hätte. Wir können kategorisch formulieren, dass dies nicht normal, also im negativen Sinn besonders sei.

Wir wissen aber auch um die Grenzen der Moral. Es ist geschehen. Nicht nur in Guben. Selbst die Verkettung der Ereignisse in der Nacht zum 13. Februar 1999 kann man nur als besonders verstehen, wenn man den ihr innewohnenden Antrieb außer Acht lässt. Die Tat war Teil einer faktischen Normalität.

Guben ist darin nicht allein. Diese unnormale Normalität, die alltägliche Mischung aus Nazis, Ausländerfeinden, Schlägern und Wegsehern, die Regression von Politik und Sozialität fand und findet man auch in anderen Städten – ebenso die Konsequenzen für die, die sich nicht damit abfinden wollen oder in eines der vielen Feindbilder passen.

Warum es für mich nun konkret um Guben und nicht um ein anderes Beispiel geht, hat einen simplen Grund – die Region gehörte und gehört zu meinem Alltag. Guben liegt vor der Haustür.

Für mich ist die Idee von RE:GUBEN, hinzusehen und zusammenzutragen, was war, was ist und was sein könnte. 2014 jährt sich die Tat das 15. Mal. Dieses Datum könnte vergehen wie gehabt. Die Mehrheit weiß nichts davon oder ignoriert es bewusst und eine Handvoll engagierter Gubener plus zivilgesellschaftspolitischer Akteure aus dem Land gedenken ritualisiert in kleinem Rahmen. Aktives Erinnern ist anders.

Was heißt das?

Der Mensch, der starb, und sein Leben sollen nicht vergessen sein. Die Erinnerung schließt aber auch die Täter und ihre Umwelt, die Tat und die Gesellschaft, in der sie sich ereignete, die Vor- und Nachgeschichten mit ein. Nicht als bloße Erzählung, sondern als Auseinandersetzung. Wie konnte es geschehen und könnte es wieder geschehen? Für diese Erinnerung zählen nicht die Rituale, sondern: Das alles geht uns an. Guben geht uns an. Die Verhältnisse in der Stadt gehen uns an. Damit es anders wird.

 

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