2009: Unterwegs in Guben

veröffentlicht von Friedrich C. Burschel

Die folgende Reportage erschien 2009 zum 10. Jahrestag des Todes von Farid Guendoul. Sie ist ein Zeitdokument zum Gedenken in Guben. Hat sich etwas in den letzten Jahren verändert?

Am 13. Februar 1999 wurde im brandenburgischen Guben der algerische Asylbewerber Farid Guendoul zu Tode gehetzt. Ein Ortstermin zehn Jahre danach.

„Es ist schon recht trist“, sagt der evangelische Pfarrer Michael Domke. Auch wenn man die Fortschritte sehen wolle, seufzt er, „man kriegt doch immer wieder einen Schlag nach dem anderen. Der letzte ist nun, dass der Tagebau Jänschwalde die Stadt einkreisen soll bis in allernächste Nähe.“ Wer an Gubens schäbigem Bahnhof ankommt und sich in der um fast die Hälfte geschrumpften 19 000-Einwohner-Stadt bewegt, kann diese gedrückte Stimmung förmlich spüren. Schnee und strahlender Sonnenschein an diesem Wintertag, aber kaum ein Mensch auf der Straße. „Stadt im Aufbruch“, heißt es auf der offiziellen Internetseite.

Am 13. Februar 1999 war Guben „No-go-Area“: Der 28-jährige Asylbewerber Farid Guendoul und zwei algerische Landsleute wurden von einer Gruppe Neonazis angegriffen und gejagt. Die Verfolgten suchten Zuflucht im Hauseingang der Hugo-Jentzsch-Straße 14 im Ortsteil Obersprucke. Guendoul verletzte sich an dem in Panik eingetretenen Türglas so schwer, dass er verblutete. Was in jener Nacht geschah, wird allenthalben Hetzjagd genannt – nur in Guben nicht. Hier sprechen viele heute noch von einem „tragischen Unfall“. Wenn das Gespräch darauf kommt, hat man das Gefühl, die Zeit habe zehn Jahre stillgestanden.

Ex-Bürgermeister Gottfried Hain war damals parteilos, dann ist er der SPD beigetreten, für die er heute im Kreistag sitzt – neuerdings übrigens mit zwei Ratskollegen von der NPD. Der 53-jährige Verwaltungschef des wohltätigen Naemi-Wilke-Stifts kommt auf den „Stein des Anstoßes“ zu sprechen, wie ihn damals viele Zeitungen genannt haben, weil die Redewendung so gut passte. Es geht um den Gedenkstein für das Opfer der Hetzjagd oder, worauf auch Hain besteht, des „Unfalls“. Der Stein war von der Antifa Guben errichtet und fortan immer wieder, zum Teil von den Angeklagten, geschändet worden. Öffentlich wurde gestritten, ob er bleiben sollte. „Ich hab damals gesagt: Wenn es ein Stein der Behörden ist, kann er weg. Wenn es ein Stein der Bürger wird, soll er bleiben“, erinnert sich Hain.

Und so kam es: auf Initiative des Berliner Regisseurs Peter Krüger, der im Mai 2000 mit der Inszenierung des jüdischen Stücks „Der Dibbuk“ ein Zeichen gegen rechte Gewalt in Guben setzte, fanden sich Vertreter der Kirche, von Gewerkschaften, aus dem Internationalen Jugendverein Guben-Gubin und der PDS zusammen und entwickelten ein Patenschaftssystem für den Stein.

Die Stimme der schweigenden Mehrheit

Zwar ist diese Initiative irgendwann eingeschlafen, doch sie sorgte in jenen Tagen dafür, dass der andauernden Verhöhnung des Opfers – die Gedenkplatte war zertrümmert und entwendet, Blumen wurden zertrampelt, die Inschrift zugesprüht – die Spitze genommen wurde. Gottfried Hain weiß das noch heute zu würdigen, wenn er auch sonst genau so redet wie damals. Als hätte er es sich irgendwo notiert, um es nach zehn Jahren zu wiederholen. 2001 wurde Hain abgewählt und musste schon im ersten Wahlgang dem FDP-Mann Klaus-Dieter Hübner weichen, der den Job bis heute macht.

Wenn man in der Stadt mit Menschen über Hübner spricht, verdrehen die meisten die Augen. So auch das Lehrer-Ehepaar Kerstin und Frank Nedoma. Sie war damals und ist noch heute Fraktionschefin der LINKEN in der Stadtverordnetenversammlung. Kerstin Nedoma beklagt, dass alle Bemühungen, Konsequenzen aus der Gewalttat zu ziehen, im Sande verlaufen sind: „Die anderen Fraktionen haben da nicht richtig mitgearbeitet. Es wurde ja auch ein Handlungskonzept erstellt, Papier beschrieben, aber es ist nichts verwirklicht worden.“ Nach dem ersten Schreck und einer bewegenden Spontan-Demo mit dem damaligen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe sei eigentlich sofort damit begonnen worden, sich „einzumauern“, erinnert sie sich. Alles Schlechte habe man von außen eindringen sehen – Reporter, Neonazis, Antifa, Ausländer.

Der Bürgermeister macht nicht nur in den Augen der Nedomas viel kaputt in Guben. Nicht im städtebaulichen Sinne, da werden Veränderungen wie der neue Stadtplatz, der Abriss leerer Häuser in der Sprucke, das Feuerwehr-Zentrum und der Kletterpark einhellig gutgeheißen. Nein, es geht um die politische Kultur. Überregional ist Guben immer nur mit Domkes „Schlägen“ in den Schlagzeilen: der erbitterte Streit um Gunther von Hagens „Plastinarium“; der NPD-Kommunalwahlkampf mit dem verurteilten Haupttäter der Hetzjagd, Alexander Bode; der Streit mit der polnischen Zwillingsstadt Gubin um eine Fußgängerbrücke über die Neiße; ein Nazi-Angriff auf Jugendliche beim Frühlingsfest 2006 mit mehreren Verletzten, nachdem der Bürgermeister vorher bei „Sabine Christiansen“ verkündet hatte, Guben habe keine derartigen Probleme; der Plan des autoritären Stadtchefs, Mietschuldner ins einstige Asylbewerberheim in der Forster Straße zwangseinzuweisen. Das sei für die Betroffenen nicht zumutbar, war damals zu hören. Die Asylsuchenden lebten viele Jahre darin.

Hübner spricht einer schweigenden Mehrheit aus der Seele. Er tritt laut und selbstgewiss auf und bringt es fertig, zehn Jahre danach die Geschichte vom 13. Februar 1999 komplett umzudrehen. „Was haben die Damen und Herren, also die Algerier, dort gemacht, zu einer Zeit, wo sie eigentlich schon im Heim hätten sein müssen?“ Er geht so weit, die Tat selbst – die nächtliche Jagd auf Dunkelhäutige in einer ostdeutschen Kleinstadt – in Frage zu stellen und letztlich die Version der Täter zu wiederholen: „Dass da Provokationen stattfanden, ist ja herauslesbar.“

Dabei springt er auf und holt von seinem überladenen Schreibtisch die Prozessakte, um aus dem Urteil des Cottbusser Landgerichts zu zitieren, wo den elf Tätern Fahrlässigkeit, aber keine Tötungsabsicht unterstellt wird. Dass der Bundesgerichtshof in Leipzig im Revisionsverfahren im Oktober 2002 die Fahrlässigkeit durch „versuchte Körperverletzung mit Todesfolge“ ersetzte, für die selbst die Angeklagten voll verantwortlich gewesen seien, die im Auto warteten, hat in Hübners Sicht keinen Platz. Jedenfalls ist er mit seiner Interpretation des Geschehens näher am Text auf der Homepage des NPD-Kreisverbandes Spree-Neiße dran als an dem, was in 83 Prozesstagen als Tathergang rekonstruiert wurde.

Dem – neben dem sterbenden Farid Guendoul und dem zu Boden geprügelten Khaled B. – dritten Gejagten, Issaka K., wirft Hübner gar Versagen vor. Die Geringschätzung gegenüber dem Toten und den anderen Opfern blendet deren panische Todesangst aus, welche das Landgericht Cottbus festgestellt und der Bundesgerichtshof nochmals unterstrichen hat. Hübner: „Die Haustür war offen, da hätte keiner durch die Tür gehen müssen. Wer hat denn versagt, warum hat der Kollege, der mit dem Herrn mit war, nicht geholfen?“

Eine Horde mit Hassmusik aufgeputschter Jungrechter, die alkoholisiert durch die Straßen Gubens fuhren, „alternative“ und dunkelhäutige Menschen aggressiv anpöbelten, die Schaufenster eines Asia-Ladens zertrümmerten und sich auf die Suche nach einem „Neger“ machten, scheint es in der offiziellen Gubener Erzählung nicht zu geben. Auch nicht, dass die Nazis die überforderte Polizei bis zur Wache verfolgten und dort belagerten. Letztlich waren diese „Damen und Herren“, wie Hübner die Opfer unablässig nennt, selber schuld.

Das Opfer heißt in dieser Logik Guben: „Was mich am meisten berührt, ist, dass man zehn Jahre danach noch dieses Treppenhaus zeigt und Guben in Verbindung bringt mit dem Thema rechts“. Rechtsextreme in Guben? Der eine NPD-Mann im Stadtparlament könne doch gar nicht folgen. Hakenkreuzschmierereien? „Hamwa nich!“ Und wenn, machen’s die Linksextremen sicher selber. Der Angriff beim Frühlingsfest 2006? „Das waren Eisenhüttenstädter!“ Man darf also gespannt sein, was Hübner mit einer Podiumsdiskussion bezweckt, die er zum „Gedenkjahr“ angekündigt hat.

„Ein großes Stück Jugendkultur ist kaputt“

Am Rande des neuen Kletterparks liegt immer noch der Gedenkstein. Das Haus, an dessen Eingang Farid Guendoul starb, gibt es nicht mehr; es wurde abgerissen. Im Schnee ist deutlich zu sehen, dass der Stein Unverbesserlichen offenbar als Urinal dient, immer noch. Für die aus Guben stammende Studentin der Nahost-Wissenschaften, Franziska Keller, ist auch das sinnbildlich: „Der Stein ist schutzlos, genauso war Farid schutzlos, keiner hat ihm geholfen.“

Franziska Keller, damals bei der Antifa und heute Brandenburger Landesvorsitzende der Bündnisgrünen, weiß, warum Jugendliche Guben fliehen und erinnert daran, dass seither auch zwei Jugendklubs, der „Sanikasten“ und das „No Budget“, Hübners rigider Politik zum Opfer gefallen sind: „Man hat damit auch ein großes Stück antifaschistischer und alternativer Jugendkultur kaputt gemacht – ein Riesenfehler.“ Auch sie selbst ist nicht mehr oft in ihrer Heimatstadt, der sie „Beratungsresistenz“ attestiert.

Gegenüber dem nagelneuen Feuerwehrhaus steht an der Zufahrt zu einer Kleingartenanlage ein Sackgassen-Schild, dessen Aufschrift wie ein Fazit klingt: „Vorsicht Staubaufwirbelungen“. Wer an das Thema Hetzjagd rührt, was in den kommenden Monaten wohl nur dieselben paar Gubener tun werden wie damals, der wirbelt den Staub einer Geschichte auf, in der die Stadt keinen Platz hat für den Toten und die Traumatisierten.

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