Warum Guben?

veröffentlicht von Friedrich C. Burschel

Ich werde den Tag im März 1999 nicht vergessen, als die Tür zum in der Unordnung eines halben Dutzends eng zusammenstehender Schreibtische und im Chaos unbesiegbarer Papierberge und Zeitungsschnipsel dämmernden Büro der Forschungsgesellschaft Flucht und Migration e.V. im Berliner Mehringhof sich öffnete und drei junge Leute eintraten. Sie gehörten sichtlich zu jenem Schlag Ostdeutscher, die in den Opferbilanzen der „Nachwendezeit“ gerne als „alternative Jugendliche“ bezeichnet werden. Die junge Frau hatte einen gigantischen Wust rotgefärbter Dreadlocks mit einem Band am Rande des Reißens auf den Rücken gebändigt, die beiden Männer sahen handfest und fast etwas ledrig aus.

Sie kamen aus Guben und baten um Unterstützung für ihre Bemühungen, den schrecklichen Tod von Farid Guendoul in Guben vor dem Zugriff beschwichtigender Verharmlosung, mitleidlosen Spotts und verächtlicher Verdrehung zu schützen. Die beiden Männer waren von der Antifa Guben, die Frau aus Cottbus dazu gestoßen. Sie standen in Guben schon kurz nach Farid Guendouls Tod mit dem Rücken zur Wand. Eigentlich schon seit der „Wende“. In vielen deutschen Städten und Gemeinden eine Wende zum Schlechten, wenn es um die auf dem Gubener Gedenkstein so gedankenlos zitierte „Würde des Menschen“ geht, die angeblich „unantastbar“ sei.

Daraus sind Freundschaften entstanden, die manche Auseinandersetzung und Phasen, in denen der Kontakt völlig zum Erliegen gekommen war, überdauert haben. Aus dieser ersten Begegnung entstand die Prozessbeobachtungsgruppe, wir organisierten Demos, Veranstaltungen und erste Gedenktage in Guben, wir besuchten Stadtverordnetenversammlungen, die wir wutschnaubend wegen der dort erlebten Ignoranz verließen, wir trafen uns zum Reden, zu Redaktionssitzungen, zum Feiern und zu nachtschlafenen Aktionen. Wir haben gemeinsam ein Buch veröffentlicht, eine Dokumentation zu den Geschehnissen an jenem 13. Februar 1999, zum 83-tägigen Nachgang vor Gericht, zur Bockbeinigkeit eines Gemeinwesens. Es kamen andere junge Leute aus Guben dazu, noch jüngere,  die sich beteiligen wollten, mit denen wir in Cottbus und in Guben, zum Beispiel im alternativen Treff „Sanikasten“, zusammensaßen oder als Demo-Block durch die Sprucke zogen. Wir haben zahlreiche Veranstaltungen zu Guben und Farid Guendouls Tod in ganz Deutschland gemacht. Wer ein paar Mal dabei war, war einer der „Gubener“ Flüchtlinge, den wir wieder aus den Augen verloren haben. Wir haben Lesereisen durch Ost- und Westdeutschland und die Schweiz gemacht, um das Buch „Nur ein Toter mehr“ zu präsentieren und unsere Wut herumzuzeigen.

Wir kannten Farid Guendoul nicht. Wir haben den Kontakt zu seiner Familie und zu seiner Freundin wieder verloren. Wir wissen, dass irgendwo in Algerien Menschen sich trauernd des Toten erinnern, der einst als Hoffnung der Familie und vom drohenden Wehrdienst genötigt nach Europa aufgebrochen war. Dass wir uns in den 1990er Jahren alle nicht kannten, nichts miteinander zu tun hatten, hat zu unser aller Isolation und Ohnmacht und dazu beigetragen, dass so vielen wie Farid Guendoul niemand rechtzeitig zu Hilfe kam. Aber wir kennen Guben. Und haben nicht vor, es zu vergessen oder die Erinnerung an die Nacht zum 13. Februar 1999 – bildlich gesprochen – abbaggern zu lassen, wie die Braunkohle ringsum.

 

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